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- 11. November 2024
„Manchmal verstehe ich mich selbst nicht! Dann handele ich wie ferngesteuert!“

Kennen Sie das? Sie finden sich in einer Situation wieder und verhalten sich ganz anders, als Sie möchten? Sie „rutschen“ wie zurück in altes Verhalten und kommen auch spontan nicht aus der Nummer raus?
In solchen Momenten sind wir getriggert durch äußere Reize, die uns an eine „traumatische“ Situation aus unserer Vergangenheit erinnern. Unser Gehirn ist grundsätzlich dafür gemacht unser Überleben zu sichern, deshalb scannen wir 3-4 mal pro Sekunde unbewusst unsere Umgebung auf Gefahrensignale hin. Wenn unser Gehirn Gefahr wahrnimmt, wird ein altes Überlebensmuster quasi automatisch abgespult. Es ist unserem bewussten Denken gar nicht zugänglich. Das erklärt, warum wir uns wie fremdgesteuert fühlen.
Doch was ist eigentlich Trauma?
Landläufig denkt man bei Trauma an ein einzelnes großes Ereignis, wie eine Naturkatastrophe, einen Unfall oder einen sexuellen Übergriff. Ein solches Trauma ist ein sogenanntes Big T Trauma. Was unser Leben als Erwachsene aber mindestens genauso – wenn nicht noch mehr beeinträchtigt – sind diese „kleinen“ Dinge, die uns in der Kindheit widerfahren oder die nicht stattfinden, obwohl wir sie bräuchten. Wir werden für bestimmtes Verhalten abgelehnt, ignoriert, auf unsere Bedürfnisse wird nicht ausreichend eingegangen, wir sollen uns nicht so anstellen oder nicht so empfindlich sein. Für unsere Emotionen ist kein Platz, wir müssen die Dinge mit uns alleine ausmachen. Wir lernen nicht, unsere Emotionen zu regulieren, weil niemand da ist, der uns dabei unterstützt. Denn in den ersten Lebensjahren können wir das nicht alleine und brauchen jemanden, der uns co-reguliert. All diese Faktoren tragen zu dem bei, wir die Welt betrachten. Sie bilden praktisch die Linse, durch die wir die Welt betrachten.
Gabor Maté, ein kanadischer Mediziner, der viel im Drogenmilieu von Vancouver arbeitete, bezeichnet Trauma als eine schmerzhafte Wunde. Es ist also nicht das Ereignis, sondern es ist das, was in uns passiert, wenn wir das Ereignis erleben.
Peter Levine definiert Trauma als das, was in Abwesenheit einer liebevollen empathischen Person in uns als Reaktion auf ein Ereignis passiert.
Nach Bessel van der Kolk sitzt Trauma in unseren automatischen, unbewussten Reaktionen und darin, wie wir die Welt wahrnehmen.
Besonders plastisch beschreibt Britt Frank was Trauma ausmacht: Trauma ist zu viel (oder zu wenig/nicht genug), zu schnell, zu nah. Es überfordert unsere Informationsverarbeitungskapazität. Es wird fragmentiert abgespeichert und ist nicht integriert in die anderen Erfahrungen, die wir machen. Deshalb führt es eine Art Eigenleben, was wir immer dann merken, wenn wir plötzlich das Gefühl haben, irgendwas „fasst“ uns total an, ohne dass wir wissen warum eigentlich.
Was passiert in uns, wenn wir Trauma erlebt haben?
Wir verlieren im Trauma die Verbindung zu uns selbst, wir verlieren die Verbindung zum gegenwärtigen Moment. Wir erleben (toxische) Scham, haben eine negative Sicht auf uns selbst und eine eingeengte Sicht auf die Welt.
Wir fühlen uns ohnmächtig, ausgestoßen, ausgeliefert, nicht ok, nicht richtig.
Scham ist ein Gefühl schlimmer als der Tod. Die ganze Welt bricht zusammen, ich möchte im Erdboden versinken und nie wieder auftauchen.
Das schlimme an den Folgen eines Traumas ist die Beziehung, die wir zu uns selbst haben. Sie ist gekennzeichnet durch massive Selbstabwertungen. Für jemanden, der häufig toxische Scham empfindet, sind positive Gefühle nur schwer aushaltbar.
Die Essenz von Trauma ist der rigide Glaube, dass ich eine isolierte Person in einer feindlichen Welt bin und mich schützen muss.
Trauma ist gekennzeichnet durch ein dauerhaftes Gefühl von Unsicherheit. Es kann sich zeigen in Ängstlichkeit, Depression, Dissoziation, chronischem Schmerz, Verdauungsproblemen, Insomnie, Verspannungen. Unter Trauma verändert sich unser Belohnungssystem, wir können die kleinen schönen Dinge des Lebens kaum wahrnehmen, unser Gehirn ist dauerhaft auf Gefahr ausgerichtet.
Was können Sie tun, um die alten Erfahrungen aufzuarbeiten?
Grundsätzlich ist es ratsam, alte Erfahrungen nicht alleine aufzuarbeiten, sondern sich zumindest am Anfang einen sicheren Rahmen und professionelle Unterstützung zu suchen, um an den Themen zu arbeiten. Es ist hilfreich, wenn jemand da ist, der Ihnen den Weg weisen kann und der Ihnen helfen kann, Ihre Gefühle zu regulieren. Und: es gibt keinen schnellen Weg daraus. Das ist wichtig schon im Vorhinein zu wissen. Gerade bei einem small t Trauma, gibt es viele kleine Ereignisse, um die wir uns kümmern müssen, die integriert werden wollen.
Das Ziel von Therapie ist, neben der Integration dieser fragmentierten Einzelereignisse, Selbstmitgefühl aufzubauen. Es geht darum die Instanz in Ihnen zu stärken, die dankbar ist, die Freude empfindet, die kreativ und neugierig ist, die fähig ist zu lieben und zu vertrauen und die mutig und offen für neue Erfahrungen ist.
Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg heraus aus dem alten Erleben ist das Wahrnehmen von Körperempfindungen. Wir können uns nicht aus dem Trauma heraus“reden“, wir müssen mit unserem Körperempfinden in Verbindung kommen. Der Körper speichert das Trauma. Trauma wird in Gehirnregionen abgespeichert die keine Sprache zur Verfügung haben. Wenn Sie zum Beispiel Scham erleben, können Sie sich fragen, was Sie gerade in Ihrem Körper wahrnehmen. Welche Unterstützung braucht Ihr Körper gerade, um das Gefühl auszuhalten? Welche Unterstützung braucht es, um mit dem schwierigen Gefühl zu bleiben? Das Gegengift zu Scham ist Stolz! Sie können bewusst die Haltung verändern, sich in der Wirbelsäule strecken, die Brust öffnen und ein Gefühl von Würde zulassen.
Wenn Sie sich auf den Weg machen wollen Ihr altes Überlebensmuster zu erkunden und dabei gerne Unterstützung hätten, dann schreiben Sie mir gerne an
kontakt@paartherapie-badnauheim.de. Ich unterstütze Sie gerne auf Ihrer Reise.
Ihre
Birgit Rolf
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